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16. November 2014 Gemeinderat, Position

Deutsche Soldatenfriedhöfe – Moralische Aufrüstung für die nächste Runde

Stadtrat Thomas Trüper

Rede von Stadtrat Thomas Trüper zum Entmilitarisierten Volkstrauertag 2014 Mannheim, Hauptfriedhof, Gräberfeld der Soldaten

Wir blicken hier (am Gräberfeld der Soldaten) auf 1037 Soldatengräber des 1. WK und seiner Spätfolgen, sowie auf 536 deutsche Soldatengräber des 2. WK. Name, Geburts- und Todesdatum sind verzeichnet, militärische Einheit und Dienstgrad. Über letztere beide Angaben jedoch schweigen die Grabsteine des 2. Weltkrieges „taktvoll“. Planung der Anlage erfolgte 1918, Fertigstellung des Altarähnlichen Steinmonuments hinter uns 1922/23.

Die weit überwiegende Mehrheit der gefallenen Mannheimer liegt jedoch natürlich nicht hier. Sie fanden gar kein Grab oder liegen in einem deutschen Soldatenfriedhof irgendwo in der Welt.

Soldatenfriedhöfe scheinen eine selbstverständliche Einrichtung. Sind sie eine Selbstverständlichkeit?

Hätten die Soldaten nicht das Recht auf ein Familiengrab gehabt, als Zivilist? Waren sie vor dem Kriegseinsatz nicht als Bäcker, Schlosser, Versicherungsangestellter, Student unterwegs?

Eine Gesellschaft, die solche Soldatenfriedhöfe baut, der Architekt, der diese spezielle Ästhetik schafft, will damit etwas Besonderes ausdrücken. Die Toten sind quasi in militärischer Formation gebettet, ein Monument vertritt den Befehlshaber.

Während in jedem großen Krieg mehr Zivilisten als Soldaten umkommen, insbesondere auch an den Kriegsfolgen, und dies zunehmend, werden die im Felde Umgekommenen herausgehoben. Die durch Bomben Zerfetzten und Verbrannten, die Verhungerten, die an Seuchen Gestorbenen, auch beispielsweise die erschossenen Deserteure, werden nicht hervorgehoben.

Angeblich sollen die Soldatenfriedhöfe an die Schrecken der Kriege erinnern. Die Ästhetik der deutschen Soldatenfriedhöfe erinnert jedoch nicht z.B. an das Inferno der Materialschlachten in Flandern, an Schlachten-Gemetzel, in denen je 100.000 junge Männer auf beiden Seiten in den Tod getrieben wurden, ohne dass sich die Front auch nur 50 m bewegte.

Die Kriege, derer hier gedacht wird, waren beide Verbrechen gegen die Menschheit, beide Male waren sie von langer und gewissenloser Hand planmäßig vorbereitet. Der Erste forderte 10 Mio. Todesopfer, der Zweite ca. 60 Mio. (Die Zahlen differieren je nach Quelle im Detail, nicht in der Dimension).

Die Soldaten hier waren Opfer und Täter gleichzeitig. Wir erinnern uns an Kohls Bitburger Spaziergang mit Reagan vorbei an SS-Gräben.

Während und auch nach den Kriegen hieß es – wir lesen es auf vielen Soldatenfriedhöfen und auf zahllosen Kriegerdenkmälern – sie seien gestorben, damit wir leben können.

Jeder Gefallene hat in Deutschland ewiges Ruherecht. Das haben sonst nur Ehrenbürger. Die Gefallenen genießen die besondere Wertschätzung des Staates, als Kern staatlicher Macht und seines Gewaltpotenzials. Ob das den Familien in ihrer Trauer geholfen hat und hilft oder ob es sie nur noch trauriger gemacht hat – wer will es wissen. Heute sind die Trauernden sein.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, der für die Soldatengräber im Ausland weltweit zuständig ist, sprach - als das noch nicht verwegen klang – von geweihter Erde, dort, wo die Soldaten in Schlamm und Schnee elend krepierten. Und er beansprucht bis heute, z.B. auch in den Tiefen Russlands, immer noch neue Ehrenfriedhöfe zu errichten. Ohne ein Wort der Entschuldigung oder des Bedauerns.

Die Soldatenfriedhöfe des 1. Weltkrieges sollten den verbreiteten Hass der Bevölkerung auf Krieg und Gewalt durch Werte wie Heldentum, Opferbereitschaft und Kameradschaft verdrängen. Das soldatische Sterben sollte als höchster menschlicher Wert vor Augen geführt werden. In diesen Gefühlen sollte das Volk den heftigen innenpolitischen Streit über Recht und Unrecht des Krieges begraben und sich über den Gräbern versöhnen. „Der Tod versöhnt“ lesen wir hinter uns auf dem Monument.

Der kaiserliche und dann im Dienste der Weimarer Republik stehende Oberst Joachim von Stülpnagel, Leiter der Heeresabteilung (T1) im Truppenamt des Reichsheeres, formulierte im Februar 1924 in einem Vortrag:

„So lange wir in Deutschland im Krieg aller gegen alle leben, ist an eine Kriegführung nach außen (…) gar nicht zu denken. (… ) Voraussetzungen dafür sind: Die nationale und wehrhafte Erziehung unserer Jugend in Schule und Universität. Die Erzeugung von Hass gegen den äußeren Feind. (…)Der vom Staat geführte Kampf gegen Internationale, Pazifismus und alles Undeutsche. Landesverrat muss unter schwerste Strafen gestellt werden. (…)“ (1)

Das Heldengedenken und die Soldatenfriedhöfe waren Teil dieser Strategie. Mit Ermöglichung von Trauer hatten sie nur am Rande zu tun. Nach dem 2. Weltkrieg wurde in der Bundesrepublik genau diese Un-Kultur weitergeführt, mit den gleichen Architekten wie vor dem Krieg.

Gestern hat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen auf einem Potsdamer Militärgelände eine Wald-Erinnerungsstätte für die knapp über 100 deutschen Gefallenen seit 1992 eingeweiht. Die Soldaten ließen ihr Leben in Kambodscha, Georgien, Jugoslawien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien und Albanien, in Afghanistan und Usbekistan.

Noch ist es lediglich eine weitere Gedenkstätte. Bestattungen sind nicht erlaubt. Man überlässt die Toten den Familien. Die Gedenkstätte ist nicht frei zugänglich. Das ist gut so, wird sich aber sicherlich ändern, denn es gibt schon jetzt eine heftige Diskussion, warum man keine zentrale Lage gewählt habe.

Was bräuchten wir wirklich für Gedenkstätten? Wir bräuchten Gedenktafeln auf unseren Soldatenfriedhöfen, dass die hier Begrabenen als Teilnehmer an Verbrechen gegen die Menschheit ihr Leben ließen oder lassen mussten. Wir bräuchten ein Denkmal für Deserteure. Und wir bräuchten Obelisken für jeden mit zivilen und diplomatischen Mitteln und durch Herstellung von Gerechtigkeit gelösten Konflikt. Davon am besten einen ganzen Wald.

Stadtrat Thomas Trüper

 

(1) J. v. Stülpnagel: Gedanken über den Krieg der Zukunft. Zit in: Carl Dirks, Karl-Heinz Janßen: Der Krieg der Generäle – Hitler als Werkzeug der Wehrmacht. Berlin 1999, S. 197