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19. Januar 2012 dielinke.SDS

„Eine linke Kraft im AStA ist längst überfällig“

[Interview mit Julien Ferrat und Sarah Hermes im Kommunal-Info Mannheim vom 19. Januar 2012]

Julien Ferrat und Sarah Hermes bilden die Doppelspitze der Hochschulgruppe Die Linke.SDS. Beide treten zu den AStA-Wahlen der Universität Mannheim an.

Kommunal-Info Mannheim: Was möchtet ihr im AStA verändern?

Ferrat: Der derzeitige AStA hat seine Kernaufgabe aus den Augen verloren. Anstatt nur Feten und Freizeitaktivitäten zu organisieren, muss sich der AStA wieder verstärkt um die fakultätsübergreifenden Belange kümmern, die das Studium auch wirklich betreffen. Hier ist im letzten Semester nur sehr wenig passiert.

Hermes: Weder die rot-grüne Koalition noch die schwarz-gelbe Opposition haben in dieser Legislaturperiode eine gute Figur abgegeben. Eine linke Kraft im AStA ist längst überfällig. Zudem setzen wir nicht nur auf die universitären Gremien, sondern auch auf eine verstärkte Zusammenarbeit mit der Mannheimer Kommunalpolitik, die das studentische Leben in vielen Bereichen maßgeblich beeinflusst.

 

Kommunal-Info Mannheim: Inwiefern hat der Gemeinderat darauf Einfluss?

Ferrat: Der Bau des Fahrradweges an der Uni ist das jüngste Beispiel. Ob im Rahmen der Stadtplanung für Studierende ausreichend Wohnraum bereitgestellt wird oder die Busverbindungen zur Uni verbessert werden, sind wichtige Entscheidungen, die für die Studierenden von Bedeutung sind, aber eben nicht in den universitären Gremien getroffen werden. Das hat der AStA leider bis heute nicht begriffen.

Hermes: Zwischen dem AStA und den Parteien im Gemeinderat herrscht zurzeit praktisch überhaupt kein Austausch. Das ist ein großer Nachteil für die Studierenden, denn das Rektorat pflegt regelmäßig Kontakt zu Stadträten und dem Oberbürgermeister. Vor allem, dass die CDU-Gemeinderatsfraktion in ihren Antragsbegründungen nie die Studierenden, sondern immer nur die Universitätsleitung zitiert, stimmt uns bedenklich.

 

Kommunal-Info Mannheim: Wie seht ihr das Profil und den neuen Rektor?

Ferrat: Als einzige Hochschulgruppe haben wir uns äußerst kritisch dem neuen Rektor gegenüber geäußert. Prof. Dr. Ernst-Ludwig von Thadden hat den Kurs seines Vorgängers Prof. Dr. Hans-Wolfgang Arndt, das Fächerangebot an der Universität deutlich zu verkleinern, ausdrücklich begrüßt und möchte den Sektor der akademischen Wirtschaftselite zulasten der Breite weiter ausbauen. Für das sehr vage und äußerst unrealistische Ziel, die internationale Elite nach Mannheim zu holen, muss die breite Masse leiden.

Hermes: Was als Fortschritt seitens des Rektorats gepriesen wird, ist in Wahrheit ein Rückschritt. Sämtliche Errungenschaften, die 1967 durch die Umwandlung der Staatlichen Wirtschaftshochschule Mannheim in eine Universität entstanden sind, wurden inzwischen rückgängig gemacht. Prominente Beispiele sind der Wegfall der Studiengänge Geographie, Technische Informatik und Rechtwissenschaften auf Staatsexamen. Das Pflichtbewusstsein, dem Universitätsstandort Mannheim ein Mindestmaß an Grundversorgung leisten zu müssen, ist leider beim neuen Rektor überhaupt nicht vorhanden.

 

Kommunal-Info Mannheim: Welche Folgen hat das auf die Stadtentwicklung?

Ferrat: Mannheim ist eine der wenigen Universitätsstädte, die nicht wachsen, sondern schrumpfen. Das liegt auch an der Universitätsleitung. Für Mannheimer Abiturienten, die keinen Wirtschaftsstudiengang belegen wollen, ist die Universität Mannheim einfach nicht attraktiv. Dadurch, dass äußerst wenige Masterplätze angeboten werden, sind viele Studierende nach dem Bachelorabschluss gezwungen sich an einer anderen Uni zu bewerben und wegzuziehen. Das Ergebnis ist, dass sich von den jährlich ankommenden Erstsemestern kaum jemand in Mannheim länger als drei Jahre niederlässt.

Hermes: Für dieses Problem gibt es in den universitären Gremien jedoch keinerlei Verständnis. Die meisten drehen sich in ihrem Hamsterrad und streben mit aller Macht nach einer Elite-Universität, die sie niemals erreichen werden. Man kommt sich oftmals wie in einem abgeschotteten Paralleluniversum vor. Mannheim ist kein internationaler Finanz- und Wirtschaftsstandort und wird das auch nie sein. Dass der vor allem von Managern genutzte Linienflugverkehr am City Airport Mannheim mangels ausreichender Passagiere eingestellt wurde, muss endlich zur Kenntnis genommen werden.

 

Kommunal-Info Mannheim: Wie sieht es eigentlich in den einzelnen Fakultäten aus?

Ferrat: Wir sehen uns in den einzelnen Fakultäten um und schauen, wo der Schuh drückt. Leider haben die Fachschaften vielerorts versagt. Das Grundproblem ist, dass aufgrund des Bologna-Prozesses zum einen wenig Zeit für ehrenamtliches Engagement bleibt und zum anderen aufgrund der verkürzten Regelstudienzeit stets ein fliegender Wechsel stattfindet.

Hermes: Dadurch, dass keine kontinuierliche Arbeit seitens der Studierenden mehr möglich ist, geht viel Wissen verloren. Oftmals fangen die studentischen Mitglieder in den universitären Gremien praktisch bei Null an. Gegenüber einem Professor, der an der Uni seit Jahrzehnten Gremienarbeit betreibt und die universitären Abläufe in und auswendig kennt, ist ein Student aus dem dritten Semester im Fakultätsrat fast chancenlos.

 

Kommunal-Info Mannheim: Wie ist die Einführung der Verfassten Studierendenschaft zu bewerten?

Ferrat: Die Einführung der Verfassten Studierendenschaft ist ein Meilenstein für die studentische Selbstverwaltung und bietet ganz neue Möglichkeiten sich an der Uni zu betätigen. Am Bologna-Prozess wird sich dadurch jedoch nichts ändern.

Hermes: Der Etat des AStA wird sich deutlich erhöhen. Die Negativ-Beispiele aus Göttingen und Münster sind natürlich bekannt. Hier gilt es aufzupassen, dass nicht aus Unerfahrenheit sinnlos Geld aus dem Fenster geworfen wird.