Wenn am 3.Dezember auf der Internationalen Afghanistan-Konferenz in Bonn die Staatsoberhäupter und Verteidigungsminister der Nato-Staaten mit einer afghanischen Delegation über die politische Zukunft des Landes debattieren, bleibt sie außen vor: Malalai Joya – Frauenrechtlerin, Autorin und Friedensaktivisten aus der westlichen Provinz Fatah. Dabei ist die jüngste Parlamentarierin Afghanistans für viele Menschen aus der Krisenregion einer der wenigen Hoffnungsschimmer, dass das kriegsgebeutelte Land nach Jahrzehnten der Besatzung und Taliban-Herrschaft endlich einen Weg zu politischer Stabilität und demokratischer Freiheit findet.
Seit Jahren fordert die Nato-Kritikerin ein energischeres Vorgehen gegen Korruption und Drogenhandel, äußerte sich öffentlich gegen die fundamentalistischen Taliban und kriminelle Warlords, erhielt zahlreiche Morddrohungen – und wurde nicht nur deshalb von der britischen Rundfunkstation BBC als die „mutigste Frau Afghanistans“ bezeichnet. Auf Einladung der Fraktion DIE LINKE im Bundestag reist Malalai derzeit durch die Bundesrepublik und machte am vergangenen Montag gemeinsam mit der Bundestagsabgeordneten Heike Hänsel Halt in der Jungbuschhalle in Mannheim. Inkognito, versteht sich. Denn Ausreisen darf die 33-jährige offiziell nicht: Nach einem kritischen Radiointerview hat das afghanische Parlament 2007 ihre Reisefreiheit massiv beschränkt. Für die unbequeme Oppositionelle kein Grund, ihre ganz eigene Sicht über die Bonner Konferenz, die Politik der Nato-Staaten und vor allem die afghanische Regierung darzulegen – diese vertrete nämlich keineswegs die Interessen der Bevölkerung Afghanistans, sondern in erster Linie die der mächtigen Clans und ihrer Stammesführer.
So werde beispielsweise die Lage der Frauen in der öffentlichen Debatte kaum thematisiert. Dabei sei diese so bedrückend wie nie zuvor: Für Frauen sei Afghanistan derzeit der „gefährlichste Ort der Welt“, so Malalai. Vergewaltigungen, Entführungen und häusliche Gewalt seien an der Tagesordnung. Gegenüber der Taliban-Herrschaft habe sich die Lage der Frauen nur unwesentlich verbessert: „Was nützt das Recht auf Ausbildung für junge Frauen und Mädchen, wenn die Mütter ihre Töchter aus Angst vor Vergewaltigungen nicht auf die Straße lassen?“ Auch die Präsenz der Nato-Truppen sorge keineswegs für ein erhöhtes Maß an Sicherheit. Vielmehr würden die westlichen Streitkräfte von den meisten Menschen in erster Linie als Besatzer und Erfüllungsgehilfen der US-hörigen Karsai-Regierung betrachtet. Hierdurch erhielten auch die Taliban immer wieder erneuten Zulauf, die Spirale der Gewalt könne so nicht durchbrochen werden. „Wenn die Nato-Truppen abziehen, haben wir nur noch zwei Feinde in Afghanistan“ resümiert daher Malalai: „Die Warlords und die Taliban.“ Natürlich würde Joya einen baldigen Truppenabzug der Nato befürworten. Für eine wirkliche Befriedung des Landes, reiche dies allerdings bei weitem nicht aus. Korruption, Drogenhandel und die Diskrepanz zwischen Verfassungsrecht und Verfassungswirklichkeit stünden der Stärkung der afghanischen Zivilkultur weiterhin im Wege. Um langfristig Frieden zu sichern, müssten der Rechtsstaat gestärkt und soziale wie politische Gerechtigkeit geschaffen werden.
Sichtlich angetan von den Schilderungen der Situation vieler afghanischer Frauen, Mädchen und Oppositioneller waren nicht nur die knapp 60 Besucher, die mit debattierfreudigen Malalai bis spät in die Nacht über die Politik der Nato, den zunehmenden Opiumhandel und mögliche Friedensperspektiven für den asiatischen Binnenstaat diskutierten. Auch die entwicklungspolitische Sprecherin der Linksfraktion, Heike Hänsel, war der Meinung, dass eine Stimme wie Malalai Joya bei der Afghanistan-Konferenz in Bonn nicht fehlen dürfe. Sie versuche derzeit, noch eine Einladung für Joya als Vertreterin für die afghanische Delegation zu erwirken. „Vielleicht“, so Hänsel vorsichtig optimistisch, „bekommen wir da noch was hin.“