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25. November 2010 KV Mannheim, Position, Landtagswahlen 2011

Nutzung des öffentlichen Raums – Für wen, für was und für welche Interessen?

Roland Schuster, Landtagskandidat in Mannheim-Nord

Roland Schuster, Landtagskandidat in Mannheim-Nord

Trotz Widerstandes der meisten Markthändler: Öffnungszeiten verlängert

Die Öffnungszeiten des Mannheimer Wochenmarktes auf dem Marktplatz sollen generell auf 18 Uhr erweitert werden. Bisher ist der Mannheimer Wochenmarkt an den Wochentagen Dienstag und Donnerstag von jeweils 6 bis 14 Uhr, und am Samstag von 6 bis 15 Uhr geöffnet.

Das Ganze soll zunächst als Testlauf veranstaltet werden – und zwar so: An den vier Adventsamstagen vor Weihnachten und ab dem Frühjahr – ab März/April. „Freiwillig wohlgemerkt“, wie Thomas Sprengel, der Chef der Großmarkt GmbH, im MM zitiert wird, soll es losgehen. Die Markthändler können sich dann entscheiden – bis 14 bzw. 15 Uhr bleiben oder bis 18 Uhr.

Die meisten Markthändler freilich sind dagegen, u.a. Holger Kumpf, der Sprecher, der Händlervereinigung. Von 77 Markthändlern haben nur 12 erklärt, länger bleiben zu wollen. Vier weitere Markthändler machen das vom Standort abhängig – möglichst nahe an der Breiten Straße, denn wer will schon weit hinten auf dem Platz sein, wenn die weggegangenen Markthändler große Lücken auf dem Wochenmarkt hinterlassen.

Diese Frage kann die Händler noch weiter entzweien, denn es ist zu befürchten, wer nicht länger bleibt, wird nach hinten verschoben.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich diese Regelung somit nur als scheinbar „freiwillig“. Die Markthändler, die länger bleiben, hoffen auf verändertes Kundenverhalten und mehr Marktanteile, und die gehen zu Lasten der Anderen. Außerdem könnte eine neue Platzzuordnung zu einer weiteren Benachteiligung derjenigen führen, die bei dieser Neuregelung nicht mitmachen.Auf lange Sicht werden aus finanziellen Gründen immer mehr Markthändler gezwungen sein mitzumachen.

Welche Gründe haben die Verweigerer der Neuregelung?

Das sind zum einen betriebliche – frisches Obst und Gemüse z.B. ist vor allen in den Sommermonaten nur schwer möglich, solange frisch zu halten. Zum anderen natürlich persönliche und familiäre Gründe.

Der Arbeitstag, mit Aufbau und Abbau sowie schon unendlich lang und eigentlich über der gesetzlich erlaubten Arbeitszeit, würde noch länger werden, also nicht mehr zum Aushalten und das an drei Tagen in der Woche. Familienleben und Freizeit kann man vergessen.

Solche Marktzeiten werden über kurz oder lang die Struktur der Markthändler verändern. Weg von den traditionellen Kleinfamilien hin zu Großhändlern, die Menschen für Schichtbetrieb und Niedrigbezahlung einstellen.

Die Rahmenbedingungen des Modellversuchs sind noch nicht alle abgeklärt, aber er soll ab dem Frühjahr mindestens ein halbes Jahr dauern. Man kann sich das Ergebnis schon vorstellen. Die Umfragen werden belegen, dass viele „Kunden“ zufrieden sein werden, dass man nun länger einkaufen kann. Das soziale Leben der Markthändler wird in dieser Betrachtung keine Rolle spielen – ein von Profit und Markt geprägtes Wirtschaftsleben kennt diese Kategorie nicht. Also wird das Ergebnis sein: Die Öffnungszeiten werden für Alle und verbindlich verlängert.

Zusätzlicher Sachgrund für die Verlängerung der Öffnungszeiten für alle könnte noch die Vermeidung der Unordnung sein, die in der Zeit zwischen 14 und 16 Uhr entsteht, wenn ein Teil der Markthändler abbaut, mit dem LKW auf den Platz fahren muss, während die anderen noch verbleiben.

Verlängerung der Marktöffnungszeiten im Interesse der Kaufhäuser, aber gegen bürgerschaftliches Leben und Engagement gerichtet

Schon lange arbeitet der Einzelhandelsverband, der vor allem die Interessen der großen Geschäfte und die Kaufhäuser in den Randzonen und in der Mannheimer Innenstadt vertritt , wie vor allem Samstag noch mehr „Kunden“ in die Stadt zu bringen sind. Ein Mittel sind die Verlängerung der Ladenöffnungszeiten, z.B. Rewe, der seine Läden in S 6 und in der Wormser Straße bis 24 Uhr geöffnet hat („Geschäfte bis zur Geisterstunde“, MM, 22.3.10 oder „Das Fest des Konsums“, MM, 17.11.10).

Damit die „Kunden“ auch wirklich solange in der Stadt bleiben, müssen die Vorrausetzungen geschaffen. Es mag ganz im Interesse des Einzelhandelsverbandes sein, wenn die Marktöffnungszeiten verlängert werden.

Im MM vom 6. Oktober ist nachzulesen, wie sich Manfred Schnabel, der Präsident des Einzelhandelverbandes Nordbaden, und Lutz Pauels, der Chef der Werbegemeinschaft, auf einer Pressekonferenz dafür stark machen, dass die Hindernisse, die „Kunden vom Einkaufen abhalten“, beseitigt werden. Die Politik solle diese Hindernisse beseitigen oder die Beeinträchtigungen ausgleichen.

Die Marktöffnungszeiten sind in dem Artikel nicht als bisherige „Beeinträchtigung“ erwähnt, aber dafür ist von Demonstrationen, Kundgebungenund Aufmärschen die Rede. Und natürlich, da sei hier am Rande erwähnt, müsse der Sonntagsverkauf erweitert werden.

Mit der Verlängerung der Marktöffnungszeiten auf 18 Uhr wird der Marktplatz erst nach 20 Uhr (nach der Reinigung) für die Öffentlichkeit wieder genutzt werden können. Der Marktplatz fällt hiermit an den drei Tagen des Marktbetriebes für andere öffentliche Veranstaltungen praktisch komplett aus. Da der Paradeplatz nur sehr bedingt für solche Zwecke nutzbar wäre, gäbe es hiermit keinen zentralen und attraktiven Platz mehr für derartige Veranstaltungen. Die Herren Schnabel und Pauels hätten damit für ihre Klientel ein wichtiges Ziel erreicht.

Für die Menschen von Mannheim und Umgebung und für die Politik stellt sich hiermit die Frage: Nutzung des öffentlichen Raums – Für wen, für was und für welche Interessen?

Roland Schuster

http://www.gnn-verlage.com/KIM/2010/KIM24.pdf